Leseprobe

Claus mit Zeh

 

Wir sitzen gemeinsam an der Bar.

Claus hat zu nichts Lust. Es geht ihm nicht gut. Ihm stecken noch der Flug und die eine Stunde Zeitverschiebung im Nacken.

Jutta ist darüber frustriert und probiert das ganze Angebot an alkoholischen Cocktails durch. Besser gesagt, sie versucht es. Nach dem fünften Drink wird sie so albern und übermütig, dass selbst ich erstaunt bin.

Soo habe ich sie noch nie erlebt. Der sonst redselige Claus ist jetzt ein verschwiegener Affe.

Jutta kichert mir irgendwas von: "Koffer packen in Rüsselsheim", ins Ohr.

Mich lässt das Gefühl nicht los, dass der so desinteressierte Claus, doch gern wüsste, worum es geht.

Ich sage vorsichtshalber zu Jutta: "Ich geh mal müssen, kommst du mit?"

Jutta kichert selbst darüber. Sie kann sich gar nicht beruhigen. Wir gehen auf die Toilette unseres Zimmers, da ich versuche, die öffentlichen Toiletten zu meiden.

Nun will ich von ihr wissen, was sie da eben Lustiges in mein Ohr geflüstert hat.

Sie hat es vergessen. Gackert aber weiter.

Ich helfe ihr: "Du hast die Koffer in Rüsselsheim gepackt?"

Jetzt lacht sie so heftig, dass ihr die Tränen samt Mascara über das Gesicht laufen. Sie kann vor lauter Lachen gar nicht richtig erzählen: „Um nichts kümmert sich Claus beim Koffer packen. Es ist ihm völlig egal, was ich ihm in den Koffer lege und im Urlaub fragt er mich dann, ob ich an dies und das gedacht habe oder wo das und jenes liegt. Ich habe ihm gesagt, er soll mir wenigstens mal annähernd verraten, welches Shirt oder Hemd er unbedingt dabei haben möchte."

"Und was ist daran jetzt so lustig?", unterbreche ich sie. "Seine Unterhosen!", lacht sie wieder heftiger. "Er nennt seine Unterhosen 'Rüsselsheim'. Und ich hab für ihn seine hässlichsten Furzheime eingepackt, die im Schrank ganz hinten liegen, um die er immer drum herum fasst. Ich bin gespannt, wie er reagiert, wenn ich ihm morgen diese Dinger hinlege."

 

 

Susi, meine Freundin, hat mir eine Öltherapie empfohlen. Das ist gut für - beziehungsweise gegen - alles. Die Therapie hilft bei Kopfschmerzen, Bronchitis, Zahnschmerzen, Blutkrankheiten und vieles mehr.

Sie ist ganz einfach.

Man nimmt morgens gleich nach dem Aufstehen einen Esslöffel VOLL Olivenöl in den Mund und lässt dieses Öl zehn bis zwanzig Minuten darin, um es hin und her zu schlürfen. Danach muss das Öl dringend ausgespuckt werden und darf nicht versehentlich verschluckt werden.

Das Öl kann dann auch nicht mehr zum Kochen oder Braten verwendet werden, denn es fällt unter die Kategorie: „Sondermüll“. So wie Altöl, denke ich, denn alle Gifte die der Körper über Nacht im Mund angesammelt hat, sind jetzt in diesem Öl enthalten.

Susi meint, dass sie diese Prozedur schon ein Jahr lang macht und es ihr wirklich noch nicht schlechter geht.

Es sind wahrscheinlich die ruhigsten zehn Minuten des Tages für sie und ihr Umfeld, denn Susi erzählt den ganzen Tag lang. Sie erzählt sogar im Schlaf.

Da so eine Mundentgiftung vielleicht nicht schlimm ist und diese zehn Minuten nicht vergeudet sind, denn man kann ja alles machen, außer reden, versuche ich es auch einmal.

Ich nehme mir einen der kleineren Suppenlöffel aus unserem Besteckkasten und stelle schon mal die Küchenuhr bevor ich den Löffel mit kalt gepresstem hochwertigem Olivenöl befülle.

Ich halte die Luft an und nehme dieses Öl in den Mund. Zeitgleich klingelt das Telefon. Na das fängt ja gut an. Da ich jetzt nicht zehn Minuten die Luft anhalten kann, beschließe ich erst einmal wieder zu atmen. Auf dem Display des Telefons steht „Unbekannt“. Pech gehabt, finde ich, denn "Unbekannt" kann ich nicht zurück rufen.

Es wäre allerdings auch ein sehr akzeptabler Grund, das nicht schmeckende Öl teuerster Sorte sofort wieder ausspucken zu können. Ich könnte ja nach dem Telefonat einen weiteren Versuch starten. Oder sogar morgen erst. Meine Überlegung erübrigt sich, da "Unbekannt" jetzt schon mit dem Anrufbeantworter vorlieb nimmt.

Es ist Karl, der mal wieder etwas Zeit hat und auf einen „Sprung“ vorbei schauen will. Für heute hat die Ölkur wirklich schon geholfen, denn Karl denkt nun, hier ist niemand zu Hause.

Eigentlich ist Karl ja auch nur so ein hilfloses bedauerliches Geschöpf des männlichen Geschlechtes. Bei Frauen findet er keine Beachtung, so sehr er sich auch bemüht.

Er pflegt seine Prinzipien, aber sich selbst pflegt er nicht. Er trägt nur schwarze Kleidung. Das hat den Vorteil, dass sein Waschgang auf diese Farbe beschränkt ist. Aber der größere Nutzen ist, dass für sein Umfeld nicht erkennbar ist, wie lange er seine Klamotten bereits trägt. Bei seinen Socken sind auch mal dunkelblaue oder graue dabei. Wenn mal eine seiner Socken ein Loch hat, entsorgt er nur diese eine Socke, die andere bleibt im Umlauf. Es ist ihm egal, ob beide Socken die gleiche Farbe haben. Und wenn er eine blaue und eine graue Socke trägt, weiß er, dass er meist zu Hause noch ein solches Paar Strümpfe hat. Dieses Thema ist für ihn genauso unwichtig wie seine Körperpflege. Er lässt an seine Haut nur Wasser und

             NICHTS!

An seine Haare ebenfalls.

Richtig, er benutzt keine Seife, keine Haarwäsche, kein Deo oder ähnliches.