Leseprobe

Pflegefall(e)

 

Entweder hat man eine Schwiegermama oder ein Schwiegermonster. Ein Dazwischen gibt es nicht.

Ich habe keine Schwiegermama, aber Fred hat eine Mutter. Sie heißt Else. Fred sagt auch Else zu ihr, nicht Mutter oder so.

Else ist schon 88 Jahre. Sie „schmeißt“ ihren Haushalt noch allein und wenn wir sie besuchen, ist ihre 2-Zimmerwohnung  immer ordentlich. Sauber ist sie auch, wenn man die Brille vor dem Besuch absetzt.

Else ist nicht so einfach. Sie lebte die letzten zehn Jahre allein. Sie macht, was sie will; sie sagt, was sie will; weiß, was sie will - und das ist alles besser.

Sie drängt sich immer wieder in den Mittelpunkt eines jeden Geschehens und dort bleibt sie dann auch.

Else erzählt jedem, dass sie 52 Kilogramm wiegt. Ich denke allerdings, dass sie das letzte Mal zur Nachkriegszeit auf der Waage stand, denn ihre Konfektionsgröße in der Kittelschürze verrät die Größe 46.

Ich kenne Else nur in einer Nylonkittelschürze. Drei Stück besitzt sie. Eine für den Garten, eine für die Küche und eine für „gut“. Die zieht sie ganz schnell über, wenn es klingelt, gleich über ihre Küchenkittelschürze.

Nun liegt Else im Krankenhaus und ich sehe sie das erste Mal ohne Kittelschürze.

Else hat Geburtstag.

Der Tag läuft ab, wie bei einem Kindergeburtstag und er ist anstrengender als ein eigener. Obwohl ich eigene Geburtstagsfeiern auch nicht bevorzuge, zumindest nicht zu Hause.

Man ist selbst Gastgeber, weil man eingeladen hat und sitzt am wenigsten bei den Gästen, weil es sich für den Gastgeber auch so gehört, die Gäste zu bewirten. Wie widersprüchlich. Einerseits ist es unhöflich die Gäste allein zu lassen, andererseits ist es unhöflich die Gäste nicht zu bedienen.

Bei Kindern und Else ist es ganz anders. Sie lassen sich alle bedienen, egal der wievielte Geburtstag es ist, ob der erste, der hundertste oder irgendeiner dazwischen.

Else hat nur den kleinen Kreis ihrer Freundinnen eingeladen. Was sie unter Freundin versteht, kann ich nicht nachvollziehen.

Wie kann man denn 38 gute Freundinnen haben? Von diesen 38 Freundinnen hat sie 19 auserwählt, die an ihrem schönsten Tag des Jahres teilhaben dürfen. Else hat lange rumgedruckst, ehe sie uns wissen ließ, wie viele Freundinnen sie einladen möchte. „Nee, kommt gar nicht in Frage!“ sage ich, weil ich mir schon die lange Schlange vor der Toilette vorstelle: „Denn auf 19 Mal den Hintern abwischen hab ich keine Lust!“ Wieder einmal ähnlich eines Kindergeburtstages, gaben wir die Anzahl der geladenen Personen vor und meinten: „Maximal acht Gäste!“

letzten Jahres.

Fred kommt nach Hause, nüchtern! Was ist denn nun los? Er hat auch keinen Weihnachtsbaum unter dem Arm, sondern ein etwas undefinierbares Gebilde. Beim näheren Betrachten erkenne ich einen großen Fleischklumpen aus dem ein Knochen herausragt. Fred nennt dieses Gebilde: “Rehkeule!“ Freudig teilt er mir mit, dass unser zweiter Weihnachtsfeiertagsbraten gesichert sei.

Aber ich frage mich, was soll ich um Himmels Willen mit solch einem großen Batzen Fleisch? „Soll ich dieses Bein mit Weihnachtsbaumkugeln und Lametta behängen?“, frage ich sauer Fred. „Dir kann man aber auch nichts recht machen!“, bekomme ich prompt zur Antwort. Aber dann erklärt mir Fred, dass unser Weihnachtsbaum noch im Wald steht, weil der Nachbar jetzt nach gewissen Mondphasen den Baum schlägt.

Ich hoffe nur, dass der Mond in diesem Jahr noch mal vor Weihnachten in der Weihnachtsbaumschlagmondphase steht.

 

Ich sehe mich nur noch in der Küche stehen, um kulinarische Neuigkeiten zu kreieren. Als Krönung haben sich dazu die anderen Kinder von Else selbst eingeladen und erwarten auch noch feinschmeckerische Highlights. Meine Kinder möchte ich dann selbstverständlich auch dabei haben, so werden wir neun Personen sein.

Eine Gans hat nur zwei Beine, da ist die Überlegung, Rehkeule zu servieren, nicht ganz falsch.  

Im letzten Jahr hat die Gans für richtig gute Stimmung gesorgt, denn sie kam, trotzdem sie den ganzen Vormittag im Herd verbrachte, al dente auf den Tisch. Auch deshalb ist Fred der Meinung, eine Rehkeule sei besser.

Außerdem will er mir die Prozedur ersparen, die vollzogen werden muss, ehe eine Gans in die Röhre kommt. Solch eine blöde Gans muss vorher ganz ordentlich bearbeitet werden. Diese vielen Pickel auf der unreinen Haut sind auch noch nach dem Braten sichtbar und so stehe ich jedes Jahr Weihnachten stundenlang mit Brille und Pinzette in der Küche, um die noch darin befindlichen Federn und Kiele zu entfernen.

Ich versuche mich mit der Rehkeule anzufreunden und bin froh, dass der Nachbar nur ein Reh und nicht einen Hirsch vor die Flinte bekam.

Ich kreuze mir schon mal alle Kochsendungen in der Fernsehzeitung an. Möglicherweise ist da die Zubereitung einer Rehkeule dabei.