Leseprobe

Ich bin noch weit entfernt von meinem Ziel, mich vom Ichbewusstsein zum Überbewusstsein zu bewegen, um den Tod ungültig zu machen. Das heißt nicht, dass ich dann nicht sterben werde, aber der Tod wäre damit nicht das Ende meines Daseins. Daran zu glauben ist mein Ziel. Es würde mir das Sterben sehr erleichtern.

Seit einem Rezidiv des Eierstockkrebses versuche ich im Hier und Jetzt zu leben, ich plane nicht länger als zwei bis drei Wochen im Voraus und träume nicht mehr von der Zukunft. Anstatt Vergangenem hinterherzuhecheln und zu bedauern, weil es nie wiederkommt, freue ich mich, es erlebt zu haben. Das Jetzt ist für mich wichtig.
Ernährungsumstellung, reichlich Bewegung, Meditation und positive Affirmationen zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte benötigen viel Disziplin und Achtsamkeit. 
Ich selbst verschlang zahlreiche Bücher, um mir mein eigenes Konzept zu erstellen, mit dem Ziel zu leben, aber auch die Angst vor dem Tod zu verlieren. Ob mir das gelungen ist, beschreibe ich in diesem Buch.


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Esoterik ist inzwischen Bestandteil meines Lebens.

Ausgerechnet jetzt fällt mir ein sehr interessantes Buch in die Hände. Da es keine Zufälle gibt, soll es so sein. Es ist ein Ratgeber für Brillenträger.

Sofern ich die beschriebenen Übungen und Ratschläge des Autors befolge, kann ich in kürzester Zeit ohne Brille auskommen. Das spornt mich an, ich will es ausprobieren. Für den Fall, dass ich das schaffe, kann ich mich auch selbst heilen.

Ich nehme mir die Übungen zu Herzen und führe sie täglich aus.

Voraussetzung ist, sofort die Brille wegzulassen. Das ist sehr praktisch, denn die Folge ist, dass die Wohnung plötzlich wieder sauberer aussieht, und der Quark überraschend nicht mehr so schnell schimmelt, zumindest solange die Brille noch nicht auf der Nase ist.

Da aber die Schriftgröße im Buch dieselbe bleibt, geht spätestens vor dem Lesen die Brillensucherei wieder los.

Vielleicht wäre es hilfreich, als Übergangslösung eine Lesebrille mit schwächeren Brillengläsern, zu besorgen. Dieser Gedanke im Hinterstübchen ist allerdings falsch und hinderlich. In diesem Stübchen sitzt übrigens auch der Schweinehund und lacht sich schief. Noch sitzt er eingesperrt, aber er wartet hoffnungsvoll auf seine Entlassung, was sicher nur eine Frage der Zeit ist.

Durch das ständige Lesen bleiben andere Interessengebiete auf der Strecke. Einstellungen, Ansichten und Prioritäten ändern sich und mein Sarkasmus geht spürbar verloren, aber wenn meine Selbstheilungskräfte dadurch aktiviert werden, nehme ich das gern in Kauf ...

 

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Unsere Seele ist ein Bestandteil unseres Daseins, so wie der Geist und der Körper auch. Sie hat sich materialisiert und daraus entstand der Körper, in dem sie jetzt lebt. Die Seele hat das schon einige Male vorher gemacht und wird es auch nach dem Austritt aus diesem Körper weiterhin tun. Das tröstet mich sehr.

Die Seele kann sich an alles bereits Erlebte, auch in ihren vorherigen Körpern, erinnern und das war in der Vergangenheit vermutlich nicht immer schön. Das unliebsam Erlebte muss ich nun versuchen herauszubekommen und umzuschreiben. Meine Seele glaubt nur was ich denke. Ich kann ihr die heile Welt sozusagen vorgaukeln. Denke ich also positiv, geht es ihr gut, dem Geist ebenfalls und umgekehrt. So soll Selbstheilung funktionieren.

Als Autodidakt ist es sehr schwierig zu verinnerlichen, doch je mehr ich darüber erfahre, desto dogmatischer werde ich.

Worte wie zum Beispiel »geistreich«, »sinnlos« oder »Gott sei Dank« bekommen plötzlich eine ganz andere Bedeutung oder Stellenwert.

Die Seele erhält ihre Kraft aus dem Universum. Dort ist ein großes Energiebündel. Mittels Meditation ist es möglich, sich bewusst Kraft aus diesem Energiebündel zu holen. Dieses Bündel nennen einige Gott, andere Allah oder Allmacht. Mit Hilfe von Meditation bin ich also in der Lage, meinen Kopf frei von Gedanken zu bekommen und die Allmacht im Universum um Kraft zu bitten. Schwups – habe ich die Energie. Dazu benötige ich allerdings einen großen Willen. Es geht nicht alles sofort, jeder kann aber augenblicklich mit diesen Übungen beginnen. Mir fällt es dabei immer noch schwer, den Kopf auszuschalten.

Nachdem ich zahlreiche esoterische Bücher gelesen habe, die ich vor einem halben Jahr noch sehr belächelte und für Unfug hielt, denke ich manchmal schon, dass unser Seelenleben weiter geht.

Zu glauben, dass unsere Seelen schon lange existieren, nimmt mir etwas Angst vor dem Tod. Zu wissen, dass meine Seele weiterlebt, würde mir die ganze Angst vor dem Tod nehmen. Das ist mein Ziel. Diese Tatsache ist mir erst seit dem Rezidiv bewusst. Ich hatte mich dafür nie interessiert und auch gemeint, alles wird sich schon irgendwie ergeben und das ganze Leben ist sowieso vorprogrammiert, aber an den Tod, an das Wann und das Wie habe ich nie einen Gedanken verschwendet.

Nun habe ich immer noch die Chance zum Weiterleben und muss sie nutzen. Die Metastasen haben mich geweckt, sonst hätte ich so »normal« weitergemacht wie früher. Was auch immer meine Aufgabe ist, weiß ich noch nicht, aber ich werde es herausfinden.

Ich stelle mir vor und rede mir ein, dass ich keine Chemotherapie mehr benötige, da ich mit meinem Willen in der Lage bin, mich selbst zu heilen. Ich bekomme meinen Körper wieder gesund und ...